Österreichische Trachtenmode aus polnischer Hand

Dirndl aus Österreich - Symbolbild

18.02.2009 | 19:15 | Ania Haar

Die Familie Suchodolski kleidet seit mehr als 30 Jahren Musikvereine, Trachtenköniginnen und Jäger ein.

Fast alles in diesem Geschäft ist österreichisch, nur nicht die Besitzer. „Verheiratete Damen binden die Schürzenschlaufe rechts, ledige Damen links”, erfährt eine Kundin, die ein olivgrünes Dirndl mit tiefem Dekolleté anprobiert. Ob Dirndl, Trachtenjanker oder Jägerbekleidung, wer traditionelle österreichische Kleidung braucht, geht zu Suchodolski in Gänserndorf. Chefin Krystyna Suchodolski ist Polin – doch sie weiß, was typisch österreichisch ist.

Die Vorgeschichte: Mitte der 60er-Jahre wandert Franz Suchodolski aus Polen nach Österreich aus und lässt sich in Traiskirchen nieder. Der Kürschnermeister findet schnell Arbeit. Sein verdientes Geld legt er zur Seite und kauft Nähmaschinen. Nach kurzer Zeit gründet er eine kleine Fabrik und fertigt Leder- und Pelzmode an. Später werden Einzelhandelsgeschäfte in Wien eröffnet. In den 90er-Jahren erfolgt die Umstellung von Produktion auf den Handel.

In den 70er-Jahren lernt er Krystyna kennen. Sie hat eine klassische Musikausbildung absolviert und keine Ahnung von traditioneller Trachtenmode. Aber sie hat Gespür, was zusammenpasst. Die beiden arbeiten nicht nur, sondern leben auch zusammen. Bald kommt der Nachwuchs.

Niederösterreichische Volkskultur

Nun sind sie schon seit über 30Jahren im Geschäft. Krystyna Suchodolski kleidet heute ganze Musikvereine ein und veranstaltet Modeshows für typische einheimische Bekleidung. Nach langer Recherche der niederösterreichischen Volkskultur ruft sie den ersten Trachtenkönigin-Wettbewerb im Weinviertel ins Leben. Damit will sie jungen Leuten österreichische Tradition vermitteln.

Am schwierigsten war es, an die Jäger heranzukommen. Nicht nur, weil sie eine Frau ist, sondern noch dazu eine waschechte Polin. Doch sie bleibt geduldig, fährt zu Waffenmessen, besucht Jägervereine und stellt bei Jägermessen aus. Auf dem Lande ist es noch schwieriger, die Menschen zu überzeugen. Trotzdem leistet sie weiter ihre Überzeugungsarbeit. Erst dauert es, aber dann kommen immer mehr Kunden, ganze Familien, man empfiehlt sie weiter.

Endlich sind dann auch die Jäger bei ihr im Geschäft. Sonderwünsche? Kein Problem. Während sie vorne die Kunden berät, was durchaus bis zu zwei Stunden dauern kann, schneidert und näht ihr Mann in der Werkstatt die Ansitzhosen für die Jäger.

Vorne probiert die Kundin noch eine andere Tracht an, diesmal in Blau, das Dekolleté nicht so tief ausgeschnitten. Die Anprobe dauert lange – man nimmt sich hier schließlich viel Zeit. Aus den großen Modehäusern ist Trachtenmode beinahe verschwunden. Es fehlt an geschultem Personal, und niemand will mehr Zeit für die Beratung aufbringen.

„Ganz oder gar nicht“

„Man kann mich als Missionarin der Trachtenmode sehen”, sagt Suchodolski, „denn mit meinem Geschäft kann ich dazu beitragen, dass dieser traditionelle Modezweig nicht noch weiter zurückgeht.” Deshalb hat sie neulich auch ihren jüngsten Sohn gefeuert: „Er war nicht mit dem ganzen Herzen dabei“, meint sie. Und fügt resolut hinzu: „Entweder ganz oder gar nicht.“ (ANIA HAAR)

“Die Presse”, Print-Ausgabe, 18.02.2009


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