Wien: Türkische Bäcker als neue Greißler in der Stadt

Türkischer Baecker in Wien - ©Milagros Martinez-Flener

24.10.2012 | 13:38 | Segal Hussein

Rund ein Viertel der Wiener Bäckereien ist in türkischer Hand. Bei den meisten handelt es sich um Familienbetriebe. Sie profitieren vor allem davon, dass sie auch nachts und an Sonntagen geöffnet haben.

Wien. Die Warteschlange reicht schon bis zur Tür. Es herrscht ein regelrechter Ansturm auf die frisch gebackenen Fladenbrote. Drei, vier, fünf Stück werden gleich mitgenommen, dazu vielleicht auch noch ein paar Stück Baklava. Es ist ein ganz normaler Sonntag hier beim türkischen Bäcker. Für viele ist er eine Rettung, wenn weit und breit kein Geschäft mehr offen hat. Der „Türke“ ist heutzutage längst zum Synonym für den Nahversorger geworden, der die Rolle übernommen hat, die früher der Greißler innehatte.

Vor knapp fünfzig Jahren kamen die ersten Gastarbeiter nach Österreich. Viele entschieden sich zu bleiben. Einige diese Gastarbeiter machten sich später selbstständig, gründeten ihre eigenen Unternehmen. Darunter waren auch zahlreiche Bäckereien und Konditoreien in Wien. Bei den meisten dieser Backbetriebe handelt es sich um Familienbetriebe. Laut der Wiener Bäckerinnung sind rund 25 Prozent der 126 Bäckereien und 155 Konditoreien in Wien in der Hand von Migranten.

Auch Österreicher als Kunden

Hilal, Informatikstudentin und Angestellte bei der Aslan Bäckerei und Konditorei im fünften Bezirk, meint: „Die Kundschaft ist mehrheitlich aus der Türkei oder Bosnien und Herzegowina, da herrscht eine große Nachfrage nach türkischen Backwaren. Viele der Migranten möchten ihre gewohnten Speisen in ihrer neuen Wahlheimat nicht missen. Doch auch immer mehr Österreicher begeistern sich für türkische Back- und Süßwaren“, so die Angestellte.

So vielfältig wie die Kundschaft ist auch das Angebot. Es reicht von Simit (Sesamring) und Baklava bis zu traditionellen Wiener Speisen wie Apfelstrudel und Vanillekipferl. So manche mitternächtliche Heißhungerattacke kann damit schnell befriedigt werden. In vielen dieser Bäckereien und Konditoreien liegen auch Zeitschriften auf Türkisch und Deutsch aus.

Während die Stadt friedlich schläft, beginnt der Bäcker um elf Uhr nachts mit seiner Arbeit und beendet sie erst, wenn einige Stadtbewohner schon munter sind. Nicht ungewöhnlich für Bäckereien, doch auch die Verkäufer haben ausgefüllte und lange Tage – denn viele der türkischen Bäckereien sind rund um die Uhr geöffnet.

Rechtlich gesehen ist es Bäckereien untersagt, die „normalen“ Öffnungszeiten zu überschreiten bzw. an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten – doch Konditoreien haben eine andere rechtliche Grundlage, die ihnen ermöglicht, auch sonn- und feiertags offen zu haben – und das 24 Stunden lang. Das nützen viele türkische Bäcker aus, indem sie zusätzlich auch noch eine Konzession für das Konditoreigewerbe lösen.

Das Geschäft floriert. Doch es gibt auch Schattenseiten – laut einer Statistik der Wirtschaftskammer haben Unternehmen in der Lebensmittelbranche, die von Migranten gegründet werden, die wenigsten Lehrstellen. Ein Potenzial, das bei der beträchtlich steigenden Zahl an Back- und Konditorbetrieben die von Migranten gegründet werden, weiter ausgeschöpft werden kann.

Arbeiten in Großbäckereien

Migranten sind aber nicht ausschließlich selbstständig als Bäcker tätig – viele sind auch in großen Bäckereien beschäftigt. Das seit 120 Jahren bestehende Unternehmen Ankerbrot AG beschäftigt etwa Mitarbeiter aus über 44 verschiedenen Nationen. Sprecherin Doris Mülleder meint dazu: „Durch die Vielfalt an Kulturen in unserem Betrieb spielt Integration bei uns eine wichtige Rolle. Es ist nicht immer einfach, wenn so viele Kulturen aufeinandertreffen, doch die zahlreichen Sprachen nützen dem Unternehmen vor allem im Austausch mit den Kunden sehr.“ Man arbeite etwa mit Jugend am Werk, der Wiener Berufsbörse oder auch der Caritas eng zusammen. „Die zahlreichen türkischen Bäckereien und Konditoreien sind hierbei keine Konkurrenz“, sagt Mülleder, „sondern eine Bereicherung für die Kulturvielfalt in der Lebensmittelbranche.“

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 24.10.2012)


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