Vom serbischen Schweinezüchter zum Wiener Lokalbesitzer

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29.07.2009 | 18:48 | Duygu Özkan

Zeljko Jovanovic gehört zur Volksgruppe der Roma, wurde in Serbien geboren, floh vor dem Krieg – und wurde in Wien sesshaft.

Mit seinen grell gefärbten Haaren könnte der 47-jährige Zeljko Jovanovic als ein indischer Punk durchgehen. Indisch? Nun, Jovanovic gehört zur Volksgruppe der Roma – und die Roma- und Sinti-Völker sind ursprünglich aus Indien nach Europa gewandert. „Aber wie diese Inder nach Serbien kamen, das ist wohl vergessen worden“, sagt er.

Jovanovic wurde im serbischen Dorf Belegis geboren. Er erinnert sich an eine glückliche Kindheit in bitterer Armut. „Wir hatten ein kleines Zimmer für mich und meine Eltern.“ Wenn auch heute die Beziehungen zwischen Roma und Serben alles andere als nachbarschaftlich sind, Jovanovic kann dies zumindest für seine Kinderjahre nicht bestätigen. „Viele unserer Nachbarn sprachen Roma“, erinnert er sich, „und das, obwohl sie Serben waren. Die Atmosphäre war nachbarschaftlich. Man half einander.“

Im Alter von neun Jahren übersiedelt Jovanovic mit seiner Familie nach Deutschland. Als Gastarbeiter erhoffen sich seine Eltern einen Ausweg aus der Mittellosigkeit. Zwölf Jahre verbringt die Familie in Ravensburg, bis sie nach Serbien zurückkehrt. In seinem Geburtsort baut der junge Jovanovic einen Bauernhof auf. Seine selbst gezüchteten Schweine sollten über das Dorf hinaus bekannt werden.

„Ich habe meinen Tieren kein künstliches Futter gegeben, was damals die gängige Praxis war. Ich habe selbst Mais angebaut für meine Schweine. Die waren dann im Umland sehr beliebt.“

„Serbiens erster Biobauer“

Lachend fügt er hinzu: „Vielleicht war ich der erste Biobauer Serbiens.“ Sieben Jahre lang bestellt Jovanovic den Hof. Es sind die Achtzigerjahre, im ehemaligen Jugoslawien rumort es gewaltig. „Ich habe gewusst, dass etwas Schreckliches passieren wird“, erinnert er sich zurück. Bereits nach dem Tod des sozialistischen Staatspräsidenten Josip Broz Tito 1980 kam es zu ersten Unstimmigkeiten innerhalb der Teilrepubliken Jugoslawiens.

1991 bricht schließlich der Bruderkrieg aus. Im selben Jahr konnte Jovanovic mit seinem Onkel nach Wien fliehen. Im Gepäck: Nicht mehr als 80 Deutsche Mark und eine Unterhose. „In der ganzen Eile habe ich nicht geschaut, was ich eigentlich einpacke.“ Während die einzelnen Republiken nach dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens eigene Nationen und somit Identitäten entwickelten, wurden die Roma immer mehr marginalisiert. Wer konnte, floh mit Ausbruch des Krieges nach Westeuropa. Wer blieb, fand sich in drastisch verschlechterten Lebensumständen wieder.

Heute leben in Serbien rund 450.000 Roma. In einem Unicef-Bericht heißt es, dass 80 Prozent von ihnen arbeitslos sind. Wie auch in anderen Staaten von Exjugoslawien führen sie ein Leben am Rande der Gesellschaft. „Heute sind die meisten Roma in Serbien Tagelöhner. Wenn ihre Haut hellhäutig ist, dann verschweigen sie, dass sie Roma sind“, sagt Jovanovic.

Für ihn, der den Absprung geschafft hat, sieht es um einiges besser aus. „Das Glück war mein ständiger Begleiter“, sagt Jovanovic. Als Besitzer eines der hippsten Lokale Wiens zeigt er sich jedenfalls nicht unzufrieden. Das „Werkzeug H“, ein überdimensionales Wohnzimmer im Freien mit Sofas und ein wenig Urlaubsatmosphäre, ist für ihn die Erfüllung eines Traums.

Das Gebäude selbst war früher die Werkstatt des Unternehmens Werkzeug Huber, dessen Name nun ein wenig adaptiert weiterlebt – aus rund 500 Vorschlägen, die er mit seinem Geschäftspartner Manfred Wuits gesammelt hat, setzte sich diese Variante schließlich als Sieger durch.

Migrant als Lokalbesitzer

„Wir wollten eigentlich eine ruhige Kugel schieben“, erzählt Jovanovic über die Anfänge des Lokals vor zwei Jahren. Mittlerweile ist das Werkzeug H ein beliebter Treffpunkt, nicht nur von Nachbarn aus dem fünften Bezirk. „Unsere Kundschaft besteht aus Studenten, Künstlern und Prominenten“, sagt er sichtlich zufrieden. Nur das mit der ruhigen Kugel, das spielt es heute nicht mehr.

http://www.werkzeugh.at

(Duygu Özkan, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 29.07.2009)


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