Armenier in Österreich: Kirche als einziges Stück Heimat

Brennende Kerzen - ©Mili Flener

07.01.2010 | 20:23 | Margarita Schubert

In der Diaspora haben sich die Armenier ihre Kultur dank ihrer Sprache und ihrer Religion bewahrt. Armenien war das erste Land, dass das Christentum zur offiziellen Staatsreligion erklärte.

Die Armenier sind stolz darauf, dass ihr Land im Jahre 301 als erstes das Christentum zur offiziellen Staatsreligion erklärte. Ein Stolz, der auch in der Diaspora nicht verloren gegangen ist. Und der sich im Selbstbewusstsein der Armenisch-Apostolischen Kirche widerspiegelt – obwohl man ein kleines Volk ist, in Österreich sind es rund 7000Menschen.

Einst sollen Apostel die Armenier christianisiert haben, erzählt Pater Andreas von der armenischen Kirche im dritten Wiener Gemeindebezirk, „und so entstand die Armenisch-Apostolische Kirche“. Der Pater ist verheiratet, was bei armenischen Priestern erlaubt ist. Nur leitende Kirchenämter bleiben Verheirateten verwehrt. Nicht nur hier hat man – im Unterschied zur katholischen Kirche – am alten christlichen Ritus festgehalten.

Doch wer sind diese Armenier? Ein weltweit verstreutes Volk: durch die geografische Lage als Durchgangsland, im Brennpunkt zwischen Orient und Okzident, immer wieder in die Flucht getrieben. Seit Jahrhunderten gab es starke Gemeinden im Nahen Osten und in Osteuropa.

Die große Diaspora

Die große Diaspora konzentriert sich mittlerweile vor allem auf Russland, Frankreich und die USA. Das macht es schwer, Aussagen über die Zahl der Armenier zu machen. Wohl kaum ein Viertel der weltweit geschätzten zehn Millionen lebt im Mutterland.

„Die Geschichte der Armenier in Österreich reicht bis ins 16.Jahrhundert zurück, als armenische Händler während der Türkenbelagerung nach Österreich kamen. Als Kundschafter waren sie eine Verbindung zum Osmanischen Reich“, erzählt der ehemalige Obmann der armenischen Gemeinde, Astig Asvazadurian.

Eine Brücke zum Orient, also. Das gilt auch für die Mechitaristen: Wien ist ein Zentrum ihrer Ordensgemeinschaft. Vor 200Jahren fanden diese armenischen Katholiken hier Asyl. Die Geschichte der Mönche ist typisch: In ihrem Kloster in der Mechitaristengasse im 7. Bezirk haben sie ein bedeutendes kulturelles Zentrum mit großer Bibliothek und Museum geschaffen. Die berüchtigte Geschäftstüchtigkeit der Armenier zeigt sich in der Erzeugung des Kräuterlikörs „Mechitharine“. Und, so Pater Vahan: „Unsere Druckerei publizierte Zeitschriften und Bücher in 50Sprachen. Das war für die Monarchie sehr wichtig.“ An ihren Schulen in der Türkei haben die Patres als Erste Deutsch unterrichtet.

Kein Problem mit Integration

Trotz konfessioneller Zersplitterung, so streng nimmt man es nicht: Armenier lieben ihre Kirchen. Sie bleiben in der Fremde oft das einzige Stück Heimat. Ein Zufluchtsort, an dem Identität und Sprache gewahrt werden.

Armenier haben sich seit jeher leicht in neue Gastländer integriert. Trotzdem hat man den Bezug zum Ursprung nicht verloren. Eine offene Gastgesellschaft wie die österreichische jedoch ist für die zweite Generation oft attraktiver als die kleine armenische Gemeinde. Auch die Erinnerung an die alte Kultur kann dieses Abdriften schwer verhindern. Eine Entwicklung, die manche aus der Einwanderergeneration mit Wehmut beobachten.

Ähnlich schmerzvoll war wohl einst der „Verlust“ des Berges Ararat an das Nachbarland Türkei. Der Berg, auf dem die Arche Noah gestrandet sein soll, ist das Nationalsymbol der Armenier. Im Wappen und auf unzähligen Bildern in armenischen Wohnungen abgebildet, verehrt man ihn als „Symbol der Unsterblichkeit des armenischen Volkes“.


(MARGARITA SCHUBERT, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 07.01.2010)


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