Im Tempel der Sikhs: Beten, plaudern, Deutsch lernen

Sikh im Tempel - ©Farzad Dadgar

03.06.2009 | 16:11 | Mona Parun

In Wiens Sikh-Gemeinde herrschten nach den Anschlägen und dem Tod eines Gurus Aufregung und Unsicherheit. Nur langsam stellte sich wieder der Alltag ein.

WIEN. „Das Sonntagsgebet (Diwan) findet nicht in gewohnter Form statt, sondern wird sich nur auf kurzen Besuch und Prashad beschränken.“ Ein unscheinbarer Zettel hing vor einem Jahr am Eingang des Sikh-Tempels in der Meidlinger Ruckergasse. Er stand damals symbolhaft für die Stimmung unter den Wiener Sikhs.

Für die Aufregung und Unsicherheit, die der blutige Anschlag auf ein Gebetshaus in Rudolfsheim-Fünfhaus, bei dem ein Guru getötet wurde, ausgelöst hat. Bis kurz davor wusste kaum jemand, wer sie überhaupt sind. Nun wird über sie geredet, nun steht auch vor jedem der drei Wiener Sikh-Tempel eine Polizeistreife. Zur Sicherheit.

„Jeder ist willkommen“

Verwunderte Blicke, wenn ein unbekanntes Gesicht erscheint. Und dann doch ein freundlicher Empfang. „Jeder ist willkommen“, sagt einer der Tempelbesucher. Aber kaum jemand kommt dieser Tage. Auch ein paar Österreicher, die regelmäßig die Sikh-Gemeinschaft besuchen, bleiben weg.

Die Regeln: Schuhe ausziehen, den Kopf bedecken und die Hände waschen. Das alles zu Ehren Gottes. Dazu wird ein heißer, süßer Tee im Metallbecher serviert.

Den Gebetsbereich, wo das heilige Buch (Guru Granth Sahib) ausgelegt ist, trennt vom Vorraum und von der Küche ein hellblauer Vorhang. Nur der rote Teppich lässt nach einer Weile vergessen, dass man sich in einem ausgebauten Keller befindet.

„Sie konnten das sicherlich schon in der Zeitung lesen, wir haben nichts mit dem Anschlag zu tun“, sagt einer der Besucher. Zwei Familien mit Kindern eilen die Treppe hinunter. Ziehen sich die Schuhe aus, waschen die Hände und nähern sich langsam dem heiligen Buch. Mit gefalteten Händen verbeugen sie sich. Ist das Ritual zu Ende, so werden sie sich auf den Boden setzen, sich mit anderen Besuchern unterhalten und dabei den Tee trinken.

Kein Turban für Frauen

„Möchten Sie probieren?“, fragt ein junger Mann. In der großen Schüssel ist Prashad, eine Art Grießbrei aus Mehl, Zucker und Butter. Er ist süß und sehr fettig. Mit dem übrig gebliebenen Fett reiben die Frauen sich die Hände oder cremen sich das Gesicht ein. Naturkosmetik sozusagen.

Die Frauen tragen keinen Turban, dafür einen Tschuni, ein Tuch auf dem Kopf. Der Kamm, das stählerne Armband und der gekrümmte Dolch dürfen weder bei Männern noch Frauen fehlen – sie gehören zu den fünf Erkennungszeichen der Sikhs. Wie auch die Haare – sie dürfen nicht geschnitten werden. „Alles soll natürlich bleiben“, ist das Gebot. Aber was passiert, wenn eine Rasur etwa bei einer Operation notwendig wird? Dafür gibt es eine Lösung – eine erneute Taufe, die Amrit.

Sie bedeutet nicht nur eine Neuaufnahme, sondern auch einen Neuanfang. Denn der Mensch macht Fehler und kann deshalb öfters getauft werden. Die Taufzeremonie wird von fünf Sikhs durchgeführt, die mit einem speziell zubereiteten Zuckerwasser Haar und Augen des Kandidaten befeuchten.

Und wie sieht es mit der Gleichberechtigung bei Sikhs aus? „Wir dürfen genauso wie die Männer in die Tempel“, sagt Bahadar Kaur, auch die Taufzeremonie dürfen die Frauen durchführen.

Nicht alle Männer im Tempel haben einen Turban auf. Ist man trotzdem noch ein Sikh? „Ja“, so die Antwort, „wir leben hier in Österreich, und viele junge Männer passen sich den Umständen an.“ Jene Männer, die das Haar geschnitten und sich rasiert haben, setzen beim Eintreten des Tempels den Rumal auf, ein kleines Kopftuch, das größtenteils das Haar bedeckt.

Deutschkurs im Tempel

Der Tempel gilt nicht nur der religiösen Begegnung, sondern ist auch ein Ort für soziale Aktivitäten. Hier findet demnächst eine neue Staffel von Deutschkursen für Mütter statt, unterstützt von der Magistratsabteilung für Integration und Diversitätsangelegenheiten (MA 17).

„Wir sind eine offene Gemeinde“, auch wenn die Gesprächspartner ihre Namen gerade nicht öffentlich sagen wollen, denn die Angst sitzt noch zu tief im Nacken. Für nächste Woche ist das normale Sonntagsgebet geplant. Und doch, es ist alles nicht mehr so, wie es war. Die Becher werden eingesammelt und abgewaschen, die Schüssel mit dem Prashad ist leer geworden. Es ist Zeit zu gehen. (MONA PARUN)

“Die Presse”, Print-Ausgabe, 03.06.2009


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