Israelis in Wien: „Traurig, dass Antisemitismus noch Thema ist“

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11.09.2012 | 22:45 | Ida Labudovic

Rund 1000 Israelis und mehr als zehnmal so viele Menschen jüdischen Glaubens sind in Wien zu Hause. Sie reflektieren die Vielfalt der israelischen Gesellschaft. Ihre Erfahrungen bestätigen, dass Antisemitismus in der Gesellschaft noch vorhanden ist.

„Shana Tova“ werden Juden am kommenden Sonntag zueinander sagen. Für sie beginnt das Neue Jahr 5773. Der jüdische Kalender zählt die Jahre ab der biblischen Schöpfung der Welt. Nach Auskunft der israelischen Botschaft in Wien leben etwa 1000 Israelis und zehnmal so viele Menschen jüdischen Glaubens in Österreich. Einer davon ist  Jehuda Levi (Name von der Red. geändert). Seine Eltern sind Ende der 1920er-Jahre von Russland nach Israel ausgewandert. Levi kam vor vierzig Jahren nach Wien, um Medizin zu studieren. Als Ärztlicher Direktor eines Spitals ging er hier auch in Pension.

„Damals war Wien eine schlafende Stadt“, sagt er, „inzwischen ist es eine herrliche internationale Stadt geworden.“ Am Anfang war die Stadt für Levi nicht so einladend, und die Beziehung zu den Menschen nicht immer einfach. Seine erste Vermieterin nannte ihn einen „Orientalen“, ein Kollege in der Arbeit „Spion“: „Wegen meines Akzentes merkt man auch heute, dass ich nicht aus Ottakring komme.“ Als Student war Levi Fremdenführer in Wien und Salzburg. Mit seinem selbstkritischen Humor und unzähligen Anekdoten hat er sich hier viele Freunde geschaffen.

Sowohl in Österreich als auch in Israel ist er sehr gern. Was ihn aber hier stört, ist die fehlende Sensibilität: „Es ist traurig, dass Antisemitismus noch immer ein Thema ist.“

Zu Israel hat Levi seine eigene Meinung. „Die Radikalisierung, sowohl die politische als auch die religiöse, finde ich nicht gut.“ Er bezeichnet sich selbst als säkularen Juden, am Versöhnungstag Jom Kippur wird er aber fasten: „Ich habe es meiner Großmutter versprochen.“

Wendepunkt: Vranitzkys Rede

Eines der wichtigsten Ereignisse nach der Gründung des Staates Israel  war für die jüdische Gemeinde Wiens die Überreichung des Beglaubigungsschreibens des Botschafters des Staates Israel in Österreich (September 1959). Um die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse mit Israel zu fördern, wurden Vertretungen verschiedener zionistischer Vereine eröffnet, wie z. B. Keren Hajessod – die zentrale Organisation der Spendensammlungen für Israel, Keren Kajemeth – der jüdische Nationalfonds oder Wizo –  die zionistische Frauenorganisation.

Im Juni 1993 hat Franz Vranitzky Israel besucht und dabei in seiner Rede die „moralische Verantwortung“ anerkannt, „weil viele Österreicher den Anschluss begrüßten, das Naziregime unterstützten und bei seinem Funktionieren halfen“. Gleichzeitig hat Vranitzky um Verzeihung jener gebeten, die entweder überlebt haben oder zu den Nachfahren der Opfer gehören. Der Besuch gilt als Beginn eines neuen Kapitels in den bilateralen Beziehungen zwischen Österreich und Israel.

Das Stammlokal vieler Israelis in Wien ist „Maschu, Maschu“, auf Hebräisch bedeutet es „etwas, etwas“. Damit ist etwas ganz Besonderes gemeint. Die Leibspeise vieler Israelis ist Falafel. Und das „Maschu, Maschu“ macht – angeblich – die besten der Stadt. Zu den Stammkunden gehört Eric Lary, ein Jazzmusiker, dessen Vorfahren aus dem Irak nach Israel gekommen sind. Schon als Kind hat er begonnen, Gitarre zu spielen, Jazz ist seine Liebe geworden: „Jazz kommt als Finale. Es ist nicht einfach, Jazz zu spielen, er vereinigt alle Musikrichtungen in sich.“

Nach Wien kam er Ende der 1980er-Jahre und begann als Straßenmusiker. Heute tritt Lary in verschiedenen Lokalen auf, wo er auch mit seiner Band „Origoquartet“ spielt. Wichtig für seine Karriere nennt er die CD „Jerusalem of Gold“ mit israelischer Folkmusik, die er verjazzt hat. Jedes Jahr am Jerusalem-Tag kann man seine Musik auf dem Judenplatz hören. Als religiös bezeichnet er sich aber nicht. „Ich glaube an Menschen und habe Kontakte mit allen, die gut sind. Das Einzige, in dem ich sehr traditionell bin, ist die Musik.“

Eine andere Einstellung hat Sarah Schwarz (Name von der Red.) geändert): Für sie ist die Religion ein Lebensweg. Die kommenden Feiertage wird sie mit ihrer Familie und Freunden bei feierlichen Mahlzeiten und in der Synagoge verbringen. Ursprünglich stammt ihre Familie aus den USA. Sie ist vor wenigen Jahren nach Wien gekommen, mit ihrem Mann, einem Österreicher, den sie im Kibbuz kennengelernt hat. Die ersten Eindrücke, die die junge Pädagogin von ihrer neuen Heimat mitbekommen hat, waren „Bilder und Filme, die mit dem Holocaust verbunden waren“. Auch Beschimpfungen wie „Du gehörst nach Auschwitz“ hat sie schon erlebt. Trotzdem hat sie die Stadt gern. Was sie an Wien vermisst, ist mehr Hilfsbereitschaft.

 


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