Vietnamesen in Österreich

©Asma Aiad
AUF EINEN BLICK
  • Bevölkerung: Im Jahr 2002 lebten laut Statistik Austria 690 Personen mit vietnamesischer Staatsangehörigkeit in Österreich. Bis 2007 sind 30 dazugekommen. Die Zahl der Asylanträge sank im selben Zeitraum von 62 auf neun. Die Zahl der Einbürgerungen fiel drastisch – von 177 (2002) auf 13 (2007). 2010 wurden acht Personen eingebürgert.
  • Vietnamesen kennenlernen: Bereits zwei Mal hat der Verein „Care for Vietnam“ den interkulturellen „Vietball“ organisiert. Für dieses Jahr ist ein interkultureller Ball zusammen mit der indonesischen und der dänischen Community geplant.
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12.04.2011 | 20:01 | Aram Ghadimi

Fast alle Vietnamesen in Österreich kamen als Flüchtlinge ins Land. Viele waren bereits christlich getauft, einige konvertierten in der neuen Heimat – gemischtreligiöse Familien kommen daher bei ihnen sehr häufig vor.

Wien. „Alles, was wir für uns selbst tun, tun wir auch für andere. Und alles, was wir für andere tun, tun wir auch für uns selbst.“ Das schrieb Thich Nhat Hanh, einer der populärsten buddhistischen Meister der Gegenwart. Der vietnamesische Mönch vertritt einen engagierten Buddhismus, der weltweit viel Anklang gefunden hat.

Im Selbstverständnis der Vietnamesen sei soziales Engagement ganz normal, sagt Tran Phuong-Thy. Respekt gegenüber der Familie sowie der Gesellschaft sei wichtig. Die 20-jährige Radiologietechnologiestudentin aus Simmering ist Vize-Obfrau von „Care for Vietnam“, einem Verein, der Spendeninitiativen und Kulturprojekte der Austro-Vietnamesen organisiert. Zudem engagiert sie sich in der katholischen Jungschar in Altsimmering. Politik spiele in der Vereinstätigkeit allerdings keine Rolle: „Es geht ausschließlich darum, zu helfen.“

Religion ist nicht alles

Auch Religion werde ausgeklammert: „Jeder kann bei uns mitmachen.“ Dabei ist gerade Religion ein wichtiger Bestandteil im Alltag ihrer Familie, in der Christentum und Buddhismus gemeinsam gelebt werden. Ihre buddhistische Großmutter, Nguyen Thi Lien, kam 1983, am Ende der kriegsbedingten vietnamesischen Flüchtlingswelle, die in den späten 70er-Jahren eingesetzt hatte, nach Wien. Ihr Mann war im Indochina-Krieg gestorben. Damals war sie 32 Jahre alt und hatte sechs Kinder.

Die Caritas hatte sich Anfang der 80er-Jahre bemüht, ein Kontingent an Flüchtlingen aus Vietnam, die sogenannten „Boat People“, in Pfarren unterzubringen. Kardinal König selbst nahm eine Familie bei sich auf – unter ihnen auch Monika Nguyen Thi Hue. Sie wurde später Taufpatin von Tran Phuong-Thy – und Kardinal Franz König persönlich taufte sie. Nguyen Thi Lien, die Großmutter von Tran, erinnert sich an die ersten Jahre in der neuen Heimat: Anfangs hätte es etwa 50 Vietnamesen in Österreich gegeben. Ein religiöses Zentrum gab es nicht.

Ab 1986 hatte sich eine kleine Gruppe zusammengefunden, um einen buddhistischen Tempel im dritten Wiener Gemeindebezirk zu gründen. „Dazu haben wir anfangs eine Wohnung gemietet“, erzählt Nguyen Thi Lien. Zuvor sei sie regelmäßig bei den Taiwanesen gewesen, die bereits einen Tempel hatten. Bis heute gibt es verschiedene Lager in der vietnamesischen Community. Die Bruchlinien verlaufen zwischen Anhängern der KP-Regierung und Antikommunisten, zwischen Christen und Buddhisten.

Anders in der Familie Tran: Die Hälfte der Tanten und Onkel von Tran ist bereits in Vietnam zum Christentum konvertiert, die andere Hälfte blieb buddhistisch. „Ich bin schon seit der Geburt christlich“, sagt Tran. Ihr Vater sei konvertiert, weil er viel mit christlichen Vietnamesen unterwegs gewesen sei. Ob das für ihre Großmutter ein Problem sei? Nein, sowohl das Christentum als auch der Buddhismus seien gut, meint sie.

„Ich wertschätze jeden Menschen, ungeachtet seiner Religion“, sagt Nguyen Thi Lien. Unter den Vietnamesen hier sei es normal, dass Ehepartner verschiedene religiöse Bekenntnisse haben. Respekt und Toleranz stehen im Vordergrund. Und so steht Trans Großmutter heute im Zentrum der vietnamesisch-buddhistischen Gemeinde in Wien. Man kennt sie aber auch bei den vietnamesischen Katholiken, die sich jeden Sonntag in Simmering zu gemeinsamen Messen treffen.

„Um arbeiten zu können, muss ein Verein wie Care for Vietnam alle Vietnamesen in Österreich ansprechen“, sagt Obmann Nguyen Duy Tan. In seiner Familie werde Offenheit gelebt, zwei Schwestern seien mit Österreichern verheiratet. Die Familie ist schon in der vierten Generation katholisch. Bei den interkulturellen Vereinsprojekten spielt das keine Rolle: „Ohne die Buddhisten geht es einfach nicht.“

Care for Vietnam war anfangs als temporäres Ballkomitee gedacht. Bei einem Essen unter Freunden beschloss man, eine Veranstaltung zu organisieren, die Vietnamesen und Österreicher vereint. „Wir sind hier geboren. Das Gemeinsame ist uns daher wichtig.“

Jüngere Austro-Vietnamesen würden nicht so stark zur Lagerbildung neigen, und immer mehr Kinder entstammen binationalen Partnerschaften. Care for Vietnam ist daher karitativ, interkulturell und dient der Förderung der austro-vietnamesischen Jugend. Man organisiert Workshops zu vietnamesischer Literatur, Geschichte und Kampfkunst. So würden auch die ältere Generation und Österreicher miteinbezogen.

Leben in Macondo

Mitte der 70er war die Familie des Vereinsleiters als eine der allerersten vietnamesischen Familien nach Österreich geflüchtet. Die Nguyen-Geschwister wuchsen in der Flüchtlingsstadt „Macondo“ auf. Auf dem ehemaligen Kasernengelände in Kaiserebersdorf, am östlichen Stadtrand, wo heute etwa 3000 Flüchtlinge in 371 Wohnungen leben. „Vietnamesische Lebensmittel musste man damals in Paris besorgen.“ Noch bis Mitte der 1990er fuhr die Familie dazu einmal pro Jahr nach Frankreich, wo bis heute die größte vietnamesische Community in Europa lebt.

(ARAM GHADIMI, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 13.04.2011)

 


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