Kinder, die auftauchen und verschwinden

Traiskirchen Betreuungsstelle

24.11.2012 | 12:07 | Kerstin Kellermann

Es scheint gesellschaftlich akzeptiert zu sein, dass es in Europa Kinder gibt, die heimlich alleine unterwegs sind. Wer kümmert sich um diese unruhigen Flüchtlings-Kids, auch wenn das sicher keine leichte Aufgabe ist?

Sicher kann man sagen, die Jungs sind schon seit Afghanistan alleine unterwegs, durchquerten mehrere Länder und niemand hat sich um sie gekümmert. Warum also sollte man damit beginnen, sich um einen Zehnjährigen bzw. einen Zwölfjährigen Sorgen zu machen, nur weil sie kurzfristig in österreichischer Betreuung waren und dann wieder verschwanden? Seltsam wäre so ein Verhalten schon, denn wenn sich niemand Gedanken macht, wenn quer durch Europa Kinder und Jugendliche über Tage und Wochen ja Monate alleine unterwegs sind – ohne Fahrkarten, Pass, Übernachtungsmöglichkeit und Jausenpackerl, wieso sollte man dann plötzlich einen jugendlichen Flüchtling suchen lassen, der aus einer Betreuungsstelle verschwindet? Womöglich noch von der Polizei?

Trotzdem frage ich mich seit Tagen, wo die beiden kleinen Afghanen, die zweimal aus verschiedenen Betreuungsstellen in Vorarlberg verschwanden, abgeblieben sind. Ich frage mich, wer sich um die unruhigen Kids kümmert, auch wenn das sicher nicht leicht ist. Ich kann verstehen, dass in der Traiskirchner „Betreuungsstelle Ost“ Lagerleiter Schabhüttl kleine Flüchtlinge von „Kurzzeit-Mamas“, sogenannten „Remunerations-Müttern“ um drei Euro betreuen lässt, aber optimal ist das nicht. Denn auch wenn diese Frauen aus der gleichen Community stammen und eventuell selber Kinder haben, können sie dann wieder verschwinden – verlegt oder abgeschoben werden. Im Vorarlberger Kinderdorf, wohin man die beiden in der Nacht überstellte, gibt es hingegen keine anderen AfghanInnen und in der Caritas Wohngemeinschaft waren die anderen Jugendlichen älter. Wo also sollen und wollen jugendliche Flüchtlinge unter 14 Jahren bleiben? Die Unterkunftgeber sollten ja theoretisch den Betreuungsbedarf in einem längeren Prozess feststellen.

Wer hat eine Zukunft in Österreich?

Es ist gut, dass sich jetzt auch andere Institutionen als nur die klassischen Flüchtlingsheime anbieten, jugendliche Flüchtlinge aufzunehmen, denn die Palette an Möglichkeiten muss erweitert werden. In den letzten zehn Jahren hat sich viel geändert, die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Flüchtlingen ist positiver geworden, die Arbeit einiger Medien und sehr vieler Privatpersonen zahlt sich aus. Engagiert und aufgeregt lassen sich Paten und Patinnen ausbilden, um geflüchtete Jugendliche zu unterstützen. Trotzdem weiß man nicht, ob familiäre Strukturen günstig wären, denn österreichische Familien könnten überfordert sein, durch mögliche Paten- oder Adoptivkinder mit Kriegsfolgen in ihrer Mitte. Außerdem haben die Jugendlichen zum Teil selbst eine strenge Erziehung genossen, wollen in Freiheit leben und lieber unter sich in einer Wohngemeinschaft. Andererseits böte eine familiäre Unterbringung bestimmt mehr Sicherheit als ein unruhiges „Großlager“, in dem sich Angst und Ungeduld potenzieren und schnell übertragen, und bringt auch mehr individuelle Förderung als eine WG.

Derzeit entscheiden BeamtInnen des Innenministeriums bzw. aus den Bundesländern welche Jugendlichen aus Traiskirchen auf welchen freien Plätze in den entsprechenden Einrichtungen unterkommen dürfen. Welche zum Beispiel zwanzig jugendlichen Flüchtlinge von den derzeit in Traiskirchen aufhältigen 500 bis 600 Kids das Glück und die Chance auf eine Zukunft und Heimat in Österreich angehen können.

Ich würde mir mehr Licht und Transparenz und auch mehr Öffentlichkeit für diesen Selektions-Vorgang wünschen. Und dass diese BeamtInnen die Jugendlichen zumindest einmal sehen, bzw. mit ihnen reden. Aber auch die anderen, denen sie keine Chance auf eine Zukunft in Österreich einräumen (können). Es müssen einfach vermehrt unterschiedliche Unterbringungsmöglichkeiten aufgebaut werden – eine ganze Palette davon und es ist schon seltsam, dass man sich in der öffentlichen Debatte mehr Sorgen macht, dass diese so genannten „Ankerkinder“ ihre Eltern nachholen könnten, als um das Wohlergehen jungen Menschen, die komplett auf sich alleine gestellt sind.


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