Banale Probleme im „Ausländerghetto“

Gemeindebau Karl-Marx Hof - ©privat
AUF EINEN BLICK
  • Der Begriff „Ausländerghetto“ wurde jüngst von ÖVP-Generalsekretär Hannes Missethon ins Spiel gebracht. Dieser wirft dem ehemaligen Wiener Wohnbaustadtrat und jetzigen SP-Chef Werner Faymann vor, Migranten auf bestimmte Gebiete konzentriert zu haben. Michael Ludwig, jetziger Wohnbaustadtrat, sieht diese Aussage als „Wahlkampfgetöse“.

20.08.2008 | 14:08 | Duygu Özkan

Wenn im Gemeindebau gestritten wird, geht es meistens um nachbarschaftliche Probleme wie Lärm oder Hundekot, allzu oft wird dabei aber auch die Herkunft migrantischer Bewohner ins Spiel gebracht.

Das Bild der Unruhen in den Pariser Vororten ist noch immer präsent: Jugendliche Immigranten zünden Autos an, zerstören Geschäfte, es gibt Verletzte, Tote. Der Anteil der Zuwanderer aus dem Maghreb in den Pariser Banlieus ist verhältnismäßig hoch: Während sie allmählich in die Vororte gesiedelt sind, ist die dortige Bevölkerung weggezogen – bis es zu Ghettobildungen kam.

Ortswechsel – die Konzentration von Migranten auf bestimmte Stadtgebiete wurde kürzlich auch in Wien öffentlich debattiert, als VP-Generalsekretär Hannes Missethon dem Neo-SPÖ-Chef Werner Faymann vorwarf, in seiner Funktion als Wohnbaustadtrat in Wien „Ausländerghettos“ errichtet zu haben. Seit 2006, noch während Faymanns Zeit im Rathaus, stehen die Wiener Gemeindebauten auch für Nicht-Österreicher offen.

Wiens derzeitiger Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) betrachtet diese Art von Vorwürfen als „Wahlkampfgetöse“, um „politisch zu punkten“: „Nur wer die Wohnsituation in Wien nicht kennt, macht solche Aussagen.“

Schützenhilfe bekommt Ludwig aus der Wissenschaft: „Von ,Ausländerghettos‘ im eigentlichen Sinn kann in Wien im Vergleich mit anderen EU-Metropolen de facto nicht gesprochen werden“, sagt Josef Kohlbacher, stellvertretender Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Akademie der Wissenschaften.

Wenn auch in einigen Teilen der Wiener Arbeiterbezirke manche Minderheiten das Erscheinungsbild prägen, so „liegt ihr Anteil doch weit unter den extremen Konzentrationswerten in französischen Banlieus oder britischen Städten“, so der Experte. Anders als in Paris gebe es in Wien keine Gegenden, die ausschließlich von einer Minderheit dominiert werden. Was übersehen werde, sei die Tatsache, dass ein ethnischer Mix aus ehemaligen Gastarbeitern wie Türken, Serben, Bosniern und Kroaten Tür an Tür leben mit Zuwanderern aus Osteuropa, Asien – und auch mit Österreichern.

Kohlbacher betont, „dass die meisten Migranten das Wohnen in ,durchmischten‘ Häusern eindeutig bevorzugen.“ Laut einem Bericht des Instituts für Stadt- und Regionalforschung (ISR) wären die nachbarschaftlichen Konflikte in multiethnischen Wohngegenden sogar deutlich niedriger als in homogen besiedelten Wohnbauten. Aber wie kann es überhaupt zu einer Konzentration von Migranten in einem Wohnbau kommen? Stadtrat Ludwig: „Migranten haben eher eine große Familie, sie haben auch Anspruch auf größere Wohnungen.“

Doch die Herkunft spiele ohnehin nur eine geringe Rolle: Kohlbacher meint, dass bei nachbarschaftlichen Konflikten „viel öfter Probleme des Zusammenlebens unterschiedlicher Generationen, Sozialschichten oder divergierender Lebensstile“ dominieren, als Konflikte „zwischen der Bevölkerung mit und jener ohne Migrationshintergrund.“ Das Problem dabei: Bei Nachbarschaftskonflikten neigen die Betroffenen vermehrt zu Ethnisierung: „Konfliktursachen und bestimmte Verhaltensweisen werden mit der ethnischen Herkunft des Kontrahenten in eine direkte Beziehung gebracht.“

Soziale Schicht entscheidet

Laut Ludwig sind nachbarschaftliche Zwiste in Gemeindebauten nicht mehr oder anders als in anderen Wohngegenden: „Lärm oder Hundekot sind meist der Grund für Aufregung.“ Er verweist auf die Gebietsbetreuungen, die bei Konflikten konsultiert werden können (siehe Artikel unten).

Das eigentliche Problem bei der Wohnungspolitik sei, so Experte Kohlbacher, dass von vornherein Wohnungen, die zwar relativ günstig, aber dafür in einem schlechten Zustand sind, für Mieter aus der Mittelschicht nicht in Frage kommen. Diese Wohnungen würden eher soziale Randschichten wie Sozialhilfeempfänger oder Drogenabhängige in Anspruch nehmen, die hierbei nicht selten auf die soziale Unterschicht der Migranten treffen. Und die sozialen Probleme all dieser Menschen bieten natürlich einiges an Konfliktpotenzial.

(DUYGU ÖZKAN, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 20.08.2008)


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