Jean Ziegler: «Mein Buch ist eine Anleitung zum Kampf»

Jean Ziegler by flickr.com/Photo by Pierre Albouy
Kurzbio
  • Jean Ziegler kam 1934 in Thun zur Welt. Studium der Rechte in Paris, wo er mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befreundet war. Letztere soll ihn angeregt haben, seinen Vornamen Hans in Jean abzuändern. Später wechselte er an die Uni Genf und studierte Soziologie. 1961 war er im Auftrag der UNO im Kongo. 1964 Treffen mit Che Guevara in Genf. 1965 Heirat, 1977 Ordinarius an der Uni Genf, 1979 bis 83 und 1987 bis 99 SP-Nationalrat. Ab 1983 Professor an der Pariser Sorbonne. Emeritiert seit 2002. Ab 2000 Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, seit 2008 Mitglied des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrats. Ziegler hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und ist Träger nationaler und internationaler Ehrungen und Auszeichnungen sowie mehrfacher Ehrendoktor.

30.03.2015 | 17:25 | REDAKTION

Jean Ziegler hat das Buch «Retournez les fusils! Choisir son camp» veröffentlicht – Auf Deutsch “Ändere die Welt” – . 35 Jahre nach «Retournez les fusils! Manuel de sociologie d’opposition»* hat der Genfer Denker seine geistige Biografie erneuert, angereichert mit den Erfahrungen aus dem Alltag und mit seiner Selbsterfahrung. Mit kräftigem, bildhaftem Stil, untermalt von Zitaten, ist das Buch ein Ansporn zum Handeln. Jean Ziegler hat nichts von seiner aufrührerischen Kraft verloren und zeigt einen unerschütterlichen Optimismus für eine bessere Zukunft.

Jean Ziegler, weshalb kommen Sie nach über 30 Jahren auf «Retournez les fusils» zurück?

Jean Ziegler: Mein Verleger von Seuil und seine Frau machen jeden Sommer in Genf einen Zwischenhalt auf ihrer Reise nach Italien. An jenem Abend im Juli 2013 haben wir uns am See getroffen, im Lichterglanz der Banken und Bijouterien. Er hat mich am Arm genommen und gesagt: «Du bist immer noch da, aggressiver denn je. Du hast gekämpft als Professor, Parlamentarier, Autor, UNO-Beauftragter; und was hat es gebracht?» Und damit gemeint: nichts. Ich habe mich verteidigt. Ich habe meine Irrtümer zugegeben, aber auch betont, dass die Weltordnung sich radikal verändert hat und der Aufstand des Gewissens bevorsteht. Nach einem schonungslosen Austausch sagte er: «Wenn ein Zeitenwandel bevorsteht, schreib es auf, entschlüssle die Welt.» Und das habe ich gemacht. Dieses Buch muss eine Waffe sein. Das ist kein utopistisches Buch, sondern eine Anleitung zum Kampf.

Weshalb haben Sie den Titel beibehalten?

Er stammt von Lenin. Im September 1915, ein Jahr nach dem Beginn des Gemetzels zwischen Arbeitern und Bauern aus verschiedenen Ländern, hat die Zweite Internationale einen Geheimkongress in Zimmerwald einberufen, einem kleinen Dorf in den Berner Voralpen, getarnt als Ornithologenkongress.

38 Parteien waren vertreten. Es wurden sofort zwei Richtungen erkennbar. Die italienischen und spanischen Pazifisten wollten die Arbeiter dazu aufrufen, die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen. Für Lenin, Trotzki und weitere Russen schien es eine wunderbare Fügung, dass das Proletariat bewaffnet worden war, und sie sagten, man müsse die Waffen umdrehen und gegen die Herrscher richten.

Welche Waffen stehen uns heute zur Verfügung?

Heute sind es bestimmt keine Kriegsinstrumente mehr, sondern die demokratischen Rechte, die wir haben, aber nicht benutzen: Generalstreik, Kundgebungen, Wahlen. In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht.

Was hat sich in den letzten dreissig Jahren grundsätzlich verändert?

Zwei Dinge: Das Auftreten einer weltweiten Diktatur des Finanzkapitalismus und der nahezu vollständige Verlust nationaler Eigenständigkeit. Die grossen interkontinentalen Unternehmen, die den Planet dominieren, stammen zu 90 Prozent aus demokratischen Staaten, sie haben ihren Sitz hier. Gemäss der Weltbank kontrollieren die 500 grössten Unternehmen mehr als 50 Prozent des weltweiten Bruttoinlandprodukts, also die Hälfte des in einem Jahr auf der Erde produzierten Reichtums.

Diese wenigen Oligarchien sind extrem mächtig, und zwar wirtschaftlich wie sozial, politisch und selbst militärisch, zumal wir eine Privatisierung der militärischen Gewalt erleben. Sie verfügen über eine Macht, die kein Kaiser je hatte. Sie unterwerfen die menschliche Arbeit und die Natur einer erbarmungslosen Diktatur, die nur einem Massstab folgt: der kurzfristigen Gewinnmaximierung. Nestlé und Unilever sind nicht da, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen. Sie üben eine strukturelle Gewalt aus und entziehen sich jeglicher staatlichen, gesellschaftlichen oder gewerkschaftlichen Kontrolle.

Was verstehen Sie unter «kannibalistischer Weltordnung»?

Auf der Südhalbkugel leben Millionen von Menschen nicht wie Menschen. Massengräber wachsen an. Beispielsweise die Zerstörung durch den Hunger. Gemäss dem Bericht der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO) stirbt alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder an dessen direkten Folgen. Gegen eine Milliarde Menschen lebt in dauernder, schwerer Unterernährung.

Marx dachte, der allgemeine Mangel werde die Menschheit noch während Jahrhunderten begleiten. Er hat sich getäuscht. Seit seinem Tod 1883 haben die industrielle und technologische Revolution die Produktionsmöglichkeiten fantastisch vermehrt. Erstmals in der Geschichte gibt es heute objektiv keinen Mangel mehr. Die weltweite Landwirtschaft könnte zwölf Milliarden Menschen ernähren, also fast das Doppelte der Menschen auf der Erde. Ein Kind, das aus Hunger stirbt, ist ein ermordetes Kind. Das ist die kannibalistische Ordnung der Welt.

Was meinen Sie mit dem Verlust der nationalen Souveränität und wie wirkt er sich aus?

Jede innerstaatliche Entscheidung wird von den Finanzmärkten sanktioniert. Ein Beispiel: In der Mitte der Nullerjahre protestierte die IG Metall in Deutschland gegen die Auslagerung von Siemens und anderen grossen Unternehmen nach Asien, obwohl sie rentabel waren. Schröder – also die Linke an der Macht – verurteilte die Kundgebungen und erklärte, man könne nichts machen, da «die Finanzmärkte so entschieden haben». Die stärkste Wirtschaftsnation Europas, die drittstärkste weltweit, ist komplett dominiert von den Finanzmärkten.

Ins gleiche Kapitel gehört das Konzept der Sockelarbeitslosigkeit in den 28 Staaten der Europäischen Union; 33,2 Millionen Menschen sind betroffen. Zum grössten Teil sind das junge Leute, die nie Arbeit haben werden oder die ihre Arbeit verloren haben und keine mehr finden werden. Das ist eine feste Grösse unseres Wirtschaftssystems geworden: Man braucht diese Arbeiter nicht mehr.

Wie erklären Sie sich, dass die Linke so kapituliert hat?

Die grossen Raubtiere – Banken, Hedgefunds, Finanzmultis – haben eine Theorie entwickelt über die Rechtmässigkeit ihres Handelns, die von den meisten Regierungen übernommen wurde, auch den linken. Zu sagen, dass die unsichtbare Hand des Markts entscheidet, erlaubt der Oligarchie, die die Parlamente und Medien steuert, ihre Praxis zu verschleiern und sie jenen aufzudrängen, die sie dominiert – den Staaten, den Gewerkschaften, den Individuen. Das ist eine Entfremdung, eine vollständige Versiegelung des Gewissens, die die Schweiz ebenfalls durchmacht

Sie sagen, dass die «Entfremdung des kollektiven Gewissens nahezu vollzogen» ist. Dennoch bleiben sie hoffnungsvoll. Ist das kein Widerspruch?

Einerseits sage ich, dass die Entfremdung praktisch vollzogen ist. Mit einem Minimum an Gewalt hat die Oligarchie ihre mörderische Ordnung festsetzen können, und sie hat das kritische Denken, das in jedem Menschen vorhanden ist, entwaffnet. Und dies erst noch in freien Ländern. In Peking oder Honduras ist das nicht schwierig. Aber in Ländern, die alle Freiheiten haben, wo alle Informationen verfügbar sind …

Oder auch wenn das Welternährungsprogramm im Dezember bekanntgab, dass es kein Geld mehr hat, um die 1,7 Millionen syrischen Flüchtlinge zu ernähren, und niemand reagiert. In den Zeitungen standen dazu fünf Zeilen. Dabei ist das Einzige, was uns von den Opfern trennt, der Zufall der Geburt. Unser Empfinden für Solidarität und Mitgefühl ist komplett eingemauert in der neoliberalen Ideologie. Man glaubt, man könne nichts machen.

Andererseits sage ich, dass die weltweite Zivilgesellschaft eine neue Widerstandsbewegung entstehen lässt, einen Aufstand des Gewissens. Unser Gewissen ist die Menschlichkeit. Eine normal beschaffene Person kann nicht die Bilder aus dem Südsudan oder der Bootsflüchtlinge im Mittelmeer sehen ohne irgendeine Reaktion. Aber diese wird sofort unterdrückt. Das Besondere an der Entfremdung ist, dass sie das Gewissen überdeckt. Aber das Bewusstsein um die Gleichheit aller Menschen schwelt wie die Glut unter der Asche, es ist ein Grundstein des menschlichen Seins: Ich erkenne mich in den anderen wieder, es sind keine Tiere. Dieses Bewusstsein, dieses Gewissen muss man befreien.

In der Schweiz scheint dies besonders schwierig, oder nicht?

Das Schweizervolk stimmt systematisch gegen seine eigenen Interessen. Es hat gegen eine zusätzliche Ferienwoche gestimmt, gegen 1:12, gegen die Einheitskasse, gegen die Personenfreizügigkeit am 9. Februar usw. Das Gewissen ist versiegelt durch die Interessen der Oligarchie.

Womit lässt sich diese neue Zivilgesellschaft vergleichen?

Es ist ein neues Element der Zeitgeschichte, eine Gemeinschaft im Dunkeln, die noch zerstückelt ist und sich während sechs Tagen am Weltsozialforum zeigt. Das sind Greenpeace, Attac, Amnesty, die Frauenbewegung oder Via Campesina; 142 Millionen Kleinbauern, die gegen die Grosskonzerne kämpfen.

Diese Bewegungen sind deutliche Anzeichen für eine neue Phase der Geschichte. Alle diese Bewegungen funktionieren nicht durch ein Zentralkomitee oder eine Parteilinie, die für uns die einzige Organisationsform waren, sondern durch das persönliche Gewissen: Menschen werden zerstört durch Hunger, die Ausbeutung, das Schicksal der Geburt. Die sozialen Schichten, die Religionen, die Altersgruppen, die Geschlechter mischen sich. Diese Widerstandsfront trägt die Hoffnung der Völker.

Und jetzt? Schluckt das kapitalistische System nicht alles?

Unsere Aufgabe und unsere Hoffnung ist, dass die kannibalistische Ordnung punktuell angegriffen wird. Entweder gelingt es der Zivilgesellschaft, sich zu organisieren und sich durchzusetzen, oder wir erleben das Ende der Demokratie. Es ist klar, was wir nicht wollen. Eine Welt, die unter dem Reichtum zusammenbricht und in der alle fünf Sekunden ein Kind aus Hunger stirbt: Das wollen wir nicht. Was folgt, verbirgt die Geschichte noch. Der Aufstand des Gewissens steht bevor, da bin ich sicher.

  • Christiane Pasteur / pmo
  • Interview aus «Le Courrier» vom 19. Januar 2015
  • * «Schiesst zurück! Ein Handbuch der Oppositionssoziologie» (1980)

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