Josef Kohlbacher: “In Wien gibt es keine Ghettos”

Integration Symbolbild - ©Mili Flener

16.05.2012 | 14:05 | Ania Haar

Leistbare Wohnungen für Migranten wirken sich positiv auf die Integration aus, Josef sagt Kohlbacher, stellvertretender Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung an der Akademie der Wissenschaften.

M-MEDIA: Wohnintegration – was kann man darunter verstehen?

Josef Kohlbacher: Wohnintegration meint die gleichberechtigte Teilhabe am Wohnungsmarkt. Zur Wohnintegration gehört vor allem die Leistbarkeit einer Wohnung – die zumutbare Grenze sind 25Prozent des Einkommens für den Wohnungsaufwand –, Wohnungsgröße und Wohnungsqualität.

Ist Wohnintegration eine direkte Folge der Arbeitsmarktintegration?

Es sind Klischees, wenn man behauptet, dass eine fünfköpfige türkische Familie gerne in einer Substandardwohnung mit Küche und Wohnzimmer wohnt. Hätten diese Menschen besser bezahlte Arbeit, könnten sie sich eine bessere Wohnung leisten. Wir wissen, dass türkische Zuwanderer, aber auch jene aus Serbien und Montenegro, ein geringeres Haushaltseinkommen haben und öfter in Substandardwohnungen wohnen. Ihre Wohnintegration ist deutlich schlechter als etwa die von deutschen Zuwanderern. Osteuropäische Zuwanderer, beispielsweise Polen, sind hinsichtlich wichtiger Parameter der Wohnintegration zwar schlechter gestellt als die Deutschen, aber weit besser als die türkischen Migranten.

Wie liegt Wien im Vergleich mit anderen Städten?

Wien steht im internationalen Vergleich gut da. Solche Probleme, die es in den „Banlieues“ französischer Städte gibt, oder auch „Ghettos“, wie man sie in Amsterdam findet, wo sich ein Einheimischer gar nicht hinzugehen traut, gibt es hier nicht. Wien ist gut durchmischt. Ganz wichtig war dafür auch die sanfte Stadterneuerung des Baubestands, die dazu beigetragen hat, dass die Abwanderung der eingesessenen Bevölkerung weitgehend verhindert wurde.

Aber dass es auch in Wien Konflikte gibt, ist unbestritten.

Natürlich, die sind aber lösbar. So gibt es seitens der Stadt Wien die Einrichtung der „Wohnpartner“ (siehe Artikel oben), die sich aktiv um die Anliegen der Mieter und um Konfliktmediation kümmern.

Sie haben in einer Studie drei Wiener „Grätzel“ im 8., 12. und 16. Bezirk miteinander verglichen. Wie schaut dort das Miteinanderleben aus?

Wo mehr Mittelschicht wohnt, funktioniert die soziale und wohnliche Einbettung am besten. Das Zusammenleben von Migranten und Einheimischen ist in der Josefstadt sehr harmonisch. Im 12.Bezirk, am Schöpfwerk, gibt es mehr Konflikte. Im 16.Bezirk sind viele Junge und Studenten zugezogen. Das interethnische Zusammenleben funktioniert dort relativ gut.

Es gibt offensichtlich einen Zusammenhang zwischen dem, wie Menschen leben und ihrer Integration?

Ja, denn wenn ich besser verdiene, kann ich mir auch eine bessere Wohnung leisten. Wir beobachten, dass es sich bestimmte Migrantengruppen zunehmend leisten können, eine Genossenschaftswohnung zu kaufen.

Leistet die Wohnintegration einen Beitrag zur Integration?

Mit Sicherheit! Wohnen bildet neben der Arbeit einen besonders wichtigen Teilaspekt der Integration. Aber die größten Herausforderungen liegen im Arbeitsmarkt, im Bildungssektor und in der sprachlichen Integration. Aber man darf nicht vergessen, dass Wohnintegration eine direkte Folge der Arbeitsmarktintegration ist.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 16.05.2012)


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