Der Busbahnhof Erdberg als Wiener Tor zur Welt

Busbahnhof Erdberg - ©Mili Flener
KURZ NOTIERT:
  • Der Vienna International Busterminal steht direkt unter der Südosttangente in Wien Erdberg. Das Unternehmen Blaguss hat das Areal vom Autobahnbetreiber Asfinag gemietet. Bis zu 100 Busse täglich bringen von hier aus 5000 Personen in alle Winkel Europas – von Großbritannien bis in die Ukraine.

20.07.2011 | 10:33 | Milena Borovska

Unter der Südosttangente steht Wiens einziger internationaler Busbahnhof. Von hier aus fahren Linien bis Großbritannien oder Kiew. So unterschiedlich wie die Reiseziele sind die Reisenden selbst.

Irgendwo in Wien Erdberg steht eine Gruppe von Frauen um einen riesigen Aschenbecher und wartet auf den Bus. Warum sie die lange Reise nicht mit dem Flugzeug machen? „Wir haben Angst vor dem Fliegen“, sagt eine von ihnen und lacht. Erst danach folgt die ernst gemeinte Antwort. „Es ist billiger, zwar nicht besonders komfortabel, aber wir sind es gewohnt.“

Die Frauen sind nicht die einzigen, die so denken. Gemeinsam mit ihnen warten Alleinreisende, Großfamilien und ganze Gruppen darauf, dass die Reise endlich losgeht. Das Vienna International Busterminal, eher unter dem Namen Busbahnhof Erdberg bekannt, liegt direkt unter der Hochstraße der meistbefahrenen Autobahn des Landes, der Wiener Südosttangente. Das Areal an der U-Bahn-Linie U3 wurde vom Unternehmen Blaguss von der Autobahngesellschaft Asfinag gepachtet und im Sommer 2007 eröffnet. Zum eher spartanischen Inventar gehören ein kleiner Check-in-Bereich mit mehrsprachigen Mitarbeitern, einige wenige Sitzplätze, ein WC, Cola-Automaten und ein belebter Außenbereich mit Bussen und Kiosk. Täglich durchlaufen zwischen 2000 und 5000 Passagiere und 50 bis 100 Busse den Terminal.

Drehscheibe der Kulturen

Der einzige internationale Busbahnhof der Stadt ist eine Drehscheibe zwischen Ost- und Westeuropa. Richtung Westen gibt es eine Linie, die bis nach England fährt. In Richtung Osten kommt man bis nach Kiew. Die besondere Spezies der Busreisenden kann man grob in zwei Gruppen teilen. Da gibt es einerseits die englischen, deutschen oder auch chinesischen Touristen. Sie kommen kurz vor der Abfahrt, kaufen oder haben bereits ihre Tickets und reisen ab. Die zweite Gruppe ist weitaus größer. Menschen, die in Österreich arbeiten, aber über das Wochenende oder die Ferien „nach Hause“ fahren. Wobei mit dem langsam verblassenden Migrationshintergrund der zweiten oder dritten Generation der Begriff „nach Hause“ durch ein unbestimmtes „zu den Verwandten“ ersetzt wird.

In diese Gruppe fallen auch die klassischen Gastarbeiter. Straßenleger Omer aus dem mazedonischen Skopje ist einer von ihnen. Heute, Freitagnacht, wird er mit dem Bus über 1000 Kilometer nach Hause zu seiner Familie fahren, um Montagmorgen wieder pünktlich zu Arbeitsbeginn in Wien zu sein. Unweit von Omer steht Slavka, die ihre Ferien in Bosnien verbringen will. In perfektem Deutsch erzählt sie von ihren Busbahnhofserfahrungen: „Es gefällt mir einfach, mit dem Bus zu fahren, ich weiß nicht, warum, es ist einfach nett.“ Dann dreht sie sich um und erzählt – in perfektem Serbisch – ihrer Großmutter, was sie der Reporterin eben gesagt hat.

53 Euro einmal Zagreb und zurück

Manchmal jedoch wirken sich der Reisestress und die beengte Atmosphäre auf die Laune der Wartenden aus. Und man beobachtet sich kritisch. So wie jenes Ehepaar aus Deutschland, das die Frauengruppe am Aschenbecher nicht aus den Augen lässt. „Es könnte einladender und ruhiger sein, aber es ist okay.“

Die Plastiktische und -sessel rund um den Kiosk sind alle besetzt. Für viele Reisende fängt hier der Urlaub an. Ein junger Mann, der dem Verabschiedungskomitee eines Freundes angehört, erzählt nicht ohne Stolz, dass er „den größeren Teil meiner Freundinnen im Bus kennengelernt“ hat. Sein Name solle deshalb auch nicht in der Zeitung stehen. „Ich bin mittlerweile verheiratet, das darf meine Frau nicht lesen.“

Wie die Frauen am großen Aschenbecher nennen auch die meisten anderen Reisenden den günstigen Preis eines Bustickets als Hauptargument für diese Art des Reisens. So gibt es die Strecke Wien–Zagreb bereits ab 53Euro. Hin und retour, versteht sich.

Außerdem fahren Busse auch an Orte, die Fluglinien und Eisenbahn nicht einmal im Fahrplan haben. Für andere hat Reisen mit dem Bus den Vorteil, viel Gepäck mitnehmen zu dürfen. Anna etwa fährt nach Bulgarien. Sie wird dort Chellounterricht erhalten. Das Chello jedoch bräuchte im Flugzeug ein eigenes Ticket. Womit sich der Kreis zur Kostenfrage schließt.

(MILENA BOROVSKA, “Die Presse”, Print-Ausgabe, 20.07.2011)


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