Wohnbau: Mit Migranten unter einem Dach wohnen

Integrativ Wohnen - ArchitektInnen Scheifinger und Neslihan Turan-Berger (v.l.n.r.) - ©Milagros Martinez-Flener
KURZ:
  • Experimentelles Wohnbauvorhaben: Im Jahr 2001 startete das Integrationsprojekt „Wohnmodell interethnische Nachbarschaft“ in Wien-Liesing, das rund 300Bewohner aus 22Nationen unter einem Dach vereint– und dessen Evaluierung auch schon in Buchform veröffentlicht wurde.
  • Buchtipp: Herbert Ludl (Hg.): Das Wohnmodell inter-ethnische Nachbarschaft. Springer Verlag 2003; 22,56 Euro.

16.05.2012 | 9:34 | Aysun Bayizitlioglu

Neue Wohnprojekte vereinen zur Hälfte Alteingesessene und Migranten in einer Wohnanlage. Damit sollen ungezwungene interkulturelle Begegnungen ermöglicht und Integration gefördert werden.

Wien. „Wir haben einfach auf der Erde geschlafen, nur wenige Glückliche hatten ein Eisenbett.“ Ibrahim Bay, mittlerweile pensionierter Bauarbeiter, der um 1970 aus der Westtürkei kam, erinnert sich an seine erste Zeit in Wien. „Am Gang gab es zwei Toiletten für 40Leute und Wasser von der Bassena. In der Bruchbude in einer Seitengasse in Wien hausten außer uns nur noch zwei ältere Einheimische.“

Es war nicht einfach für die ersten Gastarbeiter in Österreich. „Erst wenn ihre Familien nachkamen, gab es für sie den Umzug in eine eigene Wohnung“, sagt Sozialwissenschaftler Kenan Güngör. Allerdings waren kommunale Wohnungen lange Zeit ausschließlich österreichischen Staatsbürgern vorbehalten. „Neuzuwanderer mussten sich daher mit privat vermieteten, billigen Altbauwohnungen in Bezirken wie Brigittenau, Leopoldstadt, Ottakring, Simmering, Favoriten zufriedengeben, wo auch einkommensschwache Einheimische wohnen“, sagt Stadtforscher Tobias Panwinkler vom Österreichischen Institut für Raumplanung (ÖIR).

Konflikte werden ethnisiert

Dort kam es zunehmend zu sozialen Konflikten, die oft ethnisiert – zu Ausländerproblemen gemacht– wurden. „Unterschiedliche Lebensgewohnheiten schüren Vorurteile und Hemmungen“, sagt Integrationsexperte Kenan Güngör. „Und die Konfliktbereitschaft ist bei sozial Schwächeren erfahrungsgemäß wesentlich höher.“

Güngör und Panwinkler halten deswegen Maßnahmen zum Abbau sozialer Segregation und zur Förderung der sozialen Durchmischung für nötig. So wie auch eine professionelle Schlichtungshilfe vor Ort. Güngör verweist etwa auf Bemühungen der Stadt Wien – er selbst betreut mehrsprachige Mitarbeiter der „Wohnpartner“, des Nachbarschafts-Service in Wiener Gemeindebauten, die sich in 19Anlaufstellen um die Anliegen der Bewohner kümmern.

Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Integration, darüber sind sich die Experten einig, sind Wohnung, Umfeld und soziale Einrichtungen. Soll heißen: leistbarer Wohnraum mit guter Infrastruktur und funktionierender schulischer Integration.

In den 1990er-Jahren begann man sich in Österreich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Die gebürtige Türkin Neslihan Turan-Berger befasste sich 1994 in ihrer Diplomarbeit mit der Wohnproblematik förderungswürdiger Einkommensschwacher unter Einbeziehung von Vergleichen zwischen türkischen und österreichischen Großstädten mit Migrationszuwachs. Und ihr gelang es, in der Zeit zwischen 1995 und 2000 die zuständigen Stadträte und den Sozialbauträger Urbanbau zu interessieren. Ihrer Initiative ist es zu verdanken, dass 1997 das „Wohnmodell Inter-Ethnische Nachbarschaft“ (W.I.E.N) in der Anton-Baumgartner-Straße in Liesing verwirklicht wurde. Dort leben zur Hälfte Alteingesessene und Zugezogene. „Diese Durchmischung haben wir auch bei der Vermietung der Geschäftsflächen berücksichtigt, da wir als Expertenteam unbedingt den ethnischen Ökonomien eine Chance geben wollten“, sagt Turan-Berger. In dieser Wohnanlage praktizieren 300 Menschen aus 22 Ethnien interethnische Nachbarschaft.

Ungezwungene Begegnungen

Nachbarschaft sei hier kein theoretisches Konzept, sagt der Architekt des Projekts, Peter Scheifinger, sondern Alltag. „Die Dachwohnungen haben kleine Gärten, die eine Schrebergarten-Atmosphäre verbreiten. Besonders im Winter ist auch das ,türkische Bad‘ als großer Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Sitzbecken sehr beliebt: genügend Rückzugszonen bieten Raum für ungezwungene Begegnungen. Multikulturell ist auch das Fernsehprogramm mit über 80Sendern. „Alles ist ganz normal“, sagt Haustechniker Ahmadschah Akrami. „Manchmal gibt es Beschwerden über den Lärm, aber das kommt in jeder Wohnanlage vor.“

Ähnliche Projekte folgten. Etwas ganz Besonderes in dieser Richtung verspricht das unter Wohnbaustadtrat Michael Ludwig entstehende Projekt „Interkulturelles Wohnen“ am Nordbahnhof zu werden, das ab 2025 Neu- und Alt-Österreichern über 650 geförderte Wohnungen zur Verfügung stellt.

Dazu kommen Projekte wie „Isof“ – die „Initiative für soziale Freiraumgestaltung“ beschäftigt sich mit neuen Perspektiven für das Umfeld öffentlicher Wohnanlagen in Niederösterreich. „Der öffentliche Platz ist ein Spiegelbild unserer Seele, unserer Überzeugungen und Werte“, sagt Landschaftsarchitektin und Isof-Initiatorin Sanja Turkovic, eine gebürtige Bosnierin. Eine angstfreie Begegnung auf öffentlichen Plätzen sei nicht nur ein Thema zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, sondern auch zwischen Alten und Jungen, Armen und Reichen, Bildungsnahen und -fernen.

„Begegnungen ermöglichen“

„Begegnungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu begünstigen ist sehr wichtig, aber dabei kann es zu Spannungen kommen – und da muss adäquat reagiert werden können“, sagt Integrationsexperte Güngör, der auch maßgeblich am Isof-Projekt mitwirkt. „Deshalb wird es eine permanente Nachbetreuung durch ausgebildete Isof-Experten geben.“


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